frank piasta
Farbkonfekt. Anmerkungen zur Werkserie gedoppelte mitte fuzzy von Frank Piasta
"Die Form und die Farbe vermischen sich nicht es gibt (vielmehr) Simultanität"
Georges Braques, Cahiers (1917-1947)
Sie liegt da, die Farbe fast wie auf einem Tablett oder dem sogenannten Präsentierteller. So in Szene gesetzt, ist auf sie, die Farbe, alles Augenmerk gerichtet. Sie befindet sich unter, über oder neben Spiegelbruchstücken, auf runden Spiegeltischen unterschiedlicher Höhen ihr Abglanz im sie umgebenden Raum. Dass Malerei aus Raum und Licht resultiert, ist in der Geschichte der Kunst auf vielfältigen Wegen ergründet und vorgeführt worden. Und doch lösen Arbeiten wie gedoppelte mitte fuzzy 2.3 (2019) von Frank Piasta zuletzt gezeigt im T66 in Freiburg Fragen nach dem zu Sehenden aus: Wo ist der Ort dieser Malerei? Ist das noch Malerei, wo doch keine Leinwand, keine Ausstellungswand, kein klassisches Malmaterial und Werkzeug eine schützende Hand vor das Kunstwerk hebt? Frank Piasta scheint im Laufe seines künstlerischen Werks mit immer weniger dieser Rettungsbojen der Kunst auszukommen und vielleicht verbirgt sich in dieser individuellen künstlerischen Suche und (Fort)Entwicklung etwas Wahres über die Malerei und das (Kunst)Bild an sich.
Seit Ende der 1990er verarbeitet Frank Piasta den Kunststoff Silikon. Er bindet mit dem grundsätzlich zunächst farblosen Stoff Farbpigmente und trägt das ungewöhnliche Material in frühen Arbeiten mit Spachtel oder Rakel in etlichen Schichten zunächst noch auf Holz- oder Aluminiumträger auf. Es entsteht ein Farb- und Bildraum. Diese Malereien, damals durchaus noch dem klassischen Format Rechteck oder Quadrat verpflichtet und an der Ausstellungswand präsentiert, charakterisieren sich durch die materiellen Eigenschaften des Silikons, Transparenz und Leichtigkeit, Formbarkeit und Flexibilität einerseits und andererseits durch dessen fast schon massivem Volumen und Körperlichkeit. Farbe ist darin nicht nur (auf der) Oberfläche eines Bildes, sondern wir können in den Farbkörper hineinsehen vielmehr eine licht-/ räumliche Erscheinung und Mittel, um im Bild Licht und Raum sichtbar werden zu lassen.
In verschiedenen Serien dienten dem Künstler Spiegel als Träger für die Farbe. Sie verstärken den widerscheinenden, räumlichen Charakter noch zusätzlich. In der Serie fuzzy dann, entbehrt die Farbmasse jeglichem Träger, beziehungsweise es wird der Ausstellungsraum selbst zum dreidimensionalen Bildträger und der Einsatz der Farbe noch autonomer: hunderte Pinsel- oder Spachtelgesten, kleine Anhäufungen gefärbten Silikons, wabern frei über Ausstellungsböden oder Wände. In blank volume und die schwerkraft ist überbewertet schwebt sie fast in der Luft. Zwischen jeweils zwei an der Wand gehängten oder drei auf den Boden gestellten und an die Wand gelehnten Glasscheiben, ist die Farbe im Zwischenraum verhaftet also ganz wortwörtlich im Raum sichtbar und durch die Glasscheiben von fast allen Seiten zu sehen.
Noch weiter voran getrieben wird das Experimentieren mit Farbe und ihrer räumlichen Dimension in der Werkserie gedoppelte mitte fuzzy. Das Fleischlich-Körperliche der Farbe wird dort geradezu seziert zerteilt und geöffnet. Auf den Spiegeltischen befindet sich Farbe mal als kleine Würfel, mal grob in unregelmäßig geformten Teilen, mal in Fetzen wahllos über die runde Fläche des Tischs verteilt. Ungeschönt und wild, zufällig, ja spielerisch, mutet die Formgebung als auch die Verteilung der Krümel, Stücke, des Konfekts an.
Die schiere Grenzenlosigkeit des Materials der Kunst, die sich im Laufe der Moderne und bis heute eingestellt hat, geht einher mit den Überlegungen darüber, was Malerei, was ein Kunstwerk, ein Bild, ist und alles sein kann. Bei der Betrachtung von gedoppelte mitte fuzzy 2.3 (2019) ist es ein Leichtes über das Material von der Farbe zur Form zu gelangen beziehungsweise zur Frage, wo die Grenze zwischen etwa Malerei und Skulptur verläuft oder sie möglicherweise, außer in der Konvention, überhaupt nicht mehr existiert. Die Form der zu sehenden Farbe suggeriert nicht mehr das Bild(format) oder die Geste der Malerhand. Sondern Piasta hat Reste des Silikons verwendet oder es mit einem Schneidewerkzeug dekonstruiert. Er zeigt Schnittkanten an den Seiten des Farbmaterials, Spuren der Klinge im weichen Kunststoff. Resultat ist also ein sich Präsentieren des Materials, mit all seinen Charakteristika, des Umgangs damit, als auch die suggestive Ermöglichung des Blicks in das tatsächliche Innere dieses Farbmaterials hinein. Einerseits ist dadurch die Sphäre der Oberfläche dieser kleinen, farblich wohl durchdeklinierten Körper betont zumal diese Oberflächen, ihr Bild, durch die vielen Spiegelbruchstücke vervielfacht, wieder und wieder dargestellt sind. Die materiellen Sphären und Werkzeuge, deren Handhabe, also wie Piasta mit dem Material umgegangen und verfahren ist, sind aber ebenfalls in neue visuelle Zusammenhänge überführt: Die Spiegelungen der Farbe, dieses physisch-physikalische Phänomen, sind geradezu beeindruckend durch die unterschiedlichen Winkel, die Gerichtetheit der Spiegel, sind die Spiegel-Bildflächen an mehrere Stellen im Raum projiziert. Auf sehr ironische Art und Weise konterkarieren sie dort das Vorhandensein der Farbe im Raum, wo doch die tatsächlichen Farbkörper auf dem zweidimensionalen Lichtbild nur als dunkle Schattenflecke sichtbar sind. Dennoch wird das Augenmerk auf den umgebenden Raum selbst geworfen und die räumliche Dimension der Arbeit betont.
Die Qualität der Werkreihe gedoppelte mitte fuzzy liegt gerade darin, dass sie aufzeigt, wie sich Farbe am Übergang zwischen Raum und Fläche bewegen kann und unseren Blick und unsere Wahrnehmung für unterschiedliche Dimensionen, Materialität und Immateriailtät schärft.
Frank Piastas Arbeiten fragen nach den Möglichkeiten der Malerei: Wie kann Räumlichkeit durch Malerei erfahrbar werden? Wie kann durch Materialität ein Bewusstsein für Bildlichkeit geschärft werden? Was ist heute ein Bild? Vor diesem Hintergrund macht dann auch das eingangs genannte Zitat des französischen Kubisten Georges Braques (1882 - 1963) bei der Betrachtung dieser Arbeiten Sinn denn die Genese des Bildes ist hier der Farbe verdankt, die gleichzeitig im Raum Form ist und sich der rein abbildenden Funktion völlig entzogen hat, aber dennoch auf sie verweist und sich seiner Hintergründe bewusst ist. Es ist ein Bild, das sich zwischen Farbe, Form, Raum, seinem Abbild und dessen Wahrnehmung eröffnet. Von entscheidender Bedeutung für Piastas Arbeiten und Erforschung von Farbe ist so letztendlich auch der Betrachter: Denn als sehendes, sinnlich wahrnehmendes Individuum ist er gefordert, all diese Komponenten, die unterschiedlichen Ideen von Bild und Bildlichkeit, zu entdecken. Gelingt es ihm, erlangt er eine wertvolle Seherfahrung, die der flachen und ortlosen etwa eines Smartphones konträr gegenübersteht. Deshalb sind diese Kunstwerke heute umso relevanter, nehmen sie sich vielleicht auch der Aufgabe an, eine dinglich-reale Welt im Hier und Jetzt zu bestätigen, derer man sich in Anbetracht der zunehmenden Geltung der digitalen Sphäre rückzuversichern sucht.
Eveline Weber, Freiburg