frank piasta
deutsch
Frank Piasta. Das Volumen der Farbe  Peter Lodermeyer

Woran erkennt man Gemälde von Frank Piasta, was ist typisch für seine Kunst? Vielleicht schon, dass man beim Wort Gemälde zögern und sich fragen kann, ob es überhaupt angemessen ist, das, was er mit der Farbe anstellt, als Malerei im eigentlichen Sinne anzusehen. Vielleicht aber auch, dass man schon beim Wort Farbe stutzt und sich die Frage stellt, ob das Material, das sich auf Piastas Tafelbildern vor unseren Augen ausbreitet, mit diesem Wort Farbe (= paint) getroffen ist. Die im Kontext der Farbmalerei immer wieder und mit guten Gründen betonte Unterscheidung zwischen Farbe als color und als paint scheint mir im Fall von Frank Piasta nicht ganz so einfach zu sein. Das Material, das er verwendet  Silikon, das er mit Pigmenten (und mit wer weiß welchen Additiven, da gibt es sicher Werkstattgeheimnisse) anreichert , ist nicht einfach ein Farbmaterial wie etwa Ölfarbe. Ölfarbe ist, selbst wenn sie pastos aufgetragen und ihre Stofflichkeit deutlich artikuliert wird, immer eine durchgehend homogene Farbmasse. Frank Piasta nennt bei seinen Werkangaben nicht umsonst zwei Farbkomponenten: Silikon und Pigment. Die beiden gehen keine hundertprozentige Verbindung ein, sie verschmelzen nicht zu einer vollkommenen Einheit, denn dem Silikon auf den Bildern sieht man immer noch seinen ursprünglichen Zustand als farblose Masse an; die Pigmente befinden sich darin, vereinigen sich mit ihr aber nicht bis zur Ununterscheidbarkeit. Silikon besitzt die interessante Eigenschaft, dass es auch nach der Trocknung stets frisch, feucht, weich und ein wenig klebrig wirkt. Zudem dringt das Licht in diese transluzente Substanz ein. Das ist die Ursache für die typische Farbwirkung von Piastas Bildern: die sanften Farbverläufe, die erstaunliche Farbtiefe, die kein illusionistischer Effekt ist, sondern sich ganz konkret der Lichthaltigkeit des durchscheinenden Materials verdankt  und die noch verstärkt wird, wenn Piasta Spiegel statt Aluminiumplatten als Träger verwendet. Es ist also die besondere Materialität der Bildoberflächen, die seine Bilder unverwechselbar macht  Bilder, die man guten Gewissens als Gemälde bezeichnen kann, solange man sich bewusst hält, dass sie nicht im herkömmlichen Sinn mit dem Pinsel gemalt sind und dass das pigmentierte Silikon über die Trägerplatte gerakelt wird. Piastas Bilder entstehen aus einem Arbeitsprozess heraus, der an den Materialstauungen, den Wülsten am oberen und am unteren Bildrand (nie an den Seiten) ablesbar ist. Der Künstler spricht mit Blick auf seine Farbmalerei völlig zu Recht vom Volumen der Farbe  dies bezieht sich auf Farbe in beiderlei Verständnis, als paint und als color. Da die Pigmente sich in der transluziden Silikonmasse befinden, die stets eine gewisse Dicke haben muss  als hauchdünn aufgetragener Film würde sie malerisch definitiv nicht funktionieren  entwickeln sie eine reale Ausdehnung, sie nehmen Raum ein, stofflich, aber auch visuell: als Farbwirkung. Was man sieht, ist Farbe in Ausdehnung, Farbe als Farbvolumen. Das ist sicherlich auch der Grund, warum Piastas Arbeiten eine so gute Fernwirkung haben. Schon aus größerer Distanz erscheinen seine Bilder nicht als farbige Flächen, sondern als Felder einer unbestimmten Tiefe. Nehmen wir ein konkretes Beispiel: Die drei Exemplare der Geschichte des Wassers von 2011 und 2012 entfalten einen Nuancenreichtum von Blau- beziehungsweise Grünabstufungen, die sich  selbst auf den Fotografien erkennbar  in leicht unterschiedlicher Tiefe innerhalb des Materials ereignen. Diese Bilder leben visuell von dem Paradox, dass sie einerseits ganz von dem Material geprägt sind, dass andererseits aber das Auge aufgrund der Materialeigenschaften nicht an der materiellen Bildberfläche hängen bleibt und der Blick in ins Innere eines Farbvolumens eindringt.