frank piasta
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Frank Piasta "o.T.", 1999 – Matthias Bleyl, Die Farbe hat mich, 2000

Die neuen Arbeiten Frank Piastas bieten dem Auge, verglichen mit der leuchtenden Farbigkeit älterer Malereien, einen eher diffusen Farbeindruck. Eine deutlich plastisch anwesende Farbmasse zeigt milchig verschleierte Töne, wobei ihre nicht völlig homogene Stärke den Eindruck zusätzlich ständig verändert. Vielfach ist eine genaue Farbtonbestimmung nicht möglich. Die Bilder können zwischen einem dunklen Graugrün und einem hellen, wenn auch verschmutzt wirkenden Rosa changieren, ohne daß man zu einer präzisen Benennung eines Mischtons gelangt. Begründet ist dies in der Malerei in zwei Schichten halbtransparenter Farben, die sich nicht wirklich vermischen. Nicht der Farbauftrag als manuelle, möglichst virtuose Applikation interessiert den Maler, denn dieser geschieht halbmechanisch durch Aufziehen einer nahezu transparenten, vom Maler gefärbten Kunststoffmasse auf eine geeignete Trägerplatte. Sein Thema ist daher das Spannungsfeld zwischen Transparenz und Deckkraft der Farbe, ausgehend von der Erkenntnis, daß letztere fast nie zu erreichen ist. Farbe also immer von unter ihr liegender Farbe in ihrer Wirkung beeinflußt wird, wofür ihre tendenzielle Transparenz wichtigste Voraussetzung ist. Die Möglichkeiten sind dabei nahezu unbegrenzt, da stets drei Faktoren beteiligt sind; Der Träger, eine Platte, die meist weiß grundiert ist, aber auch farbig, sogar transparent oder aus reflektierendem Metall sein kann; eine erste gefärbte Schicht bereits kräftiger Stärke, schließlich eine abschließende, anders gefärbte und nicht weniger starke Schicht, durch welche die bis dahin erzielte Farbwirkung noch völlig verändert werden kann. Je nach Stärke der Schicht wird die erste verdeckt, jedoch infolge der Halbtransparenz nie völlig, und je nach den Unregelmäßigkeiten im Auftrag spricht die untere durch die obere Farbschicht hindurch mehr oder weniger deutlich mit. So können etwa in den oberen und unteren Randzonen, wo die Materie durch An-und Absetzen des Farbauftrags am dicksten ist, sehr widerläufige Effekte entstehen, wenn etwa eine dunkle erste Farbschicht dort ein kräftiges Relief hinterläßt, das durch eine hell gefärbte, an dieser Stelle nur dünn aufgetragene zweite Schicht dunkel hindurchwirkt, während diese auf der gegenüberliegenden Seite selbst als dickes Relief stehenbleibt und soviel Farbmasse zusammenkommt, daß die darunterliegende, dunkle Schicht fast verdeckt wird bzw. weit weniger im Endergebniss mitspricht, als auf der Gegenseite. Bei solchen subtilen Unterschieden in der gegenseitigen Beeinflussung kann es sogar zu völlig überraschenden Umkehrungen der Wirkung kommen. Aufgrund eines optischen Gesetzes erscheinen nämlich warme Farben, wenn sie durch ein trübes Medium hindurch gesehen werden, als kühle Farben. Das beste und allgemein bekannte Beispiel hierfür bietet die menschliche Haut, durch deren halbtransparente Dichte hindurch die mit rotem Blut gefüllten Adern blaulich erscheinen, obwohl sie dies materiell nicht sind; auch Nebel kann ahnliche, rein optische Farbveränderungen bewirken.

Solche und andere Effekte im Umgang mit halbtransparenten Farben finden sich schon in der Malerei vieler; man schaue daraufhin nur genau auf die Inkarnatdarstellungen von Gemälden. Schon in der Frühphase des Gebrauchs der Ölmalerei im frühen 15. Jahrhundert wurde die Transparenz des neuen Mediums in der Weise systematisiert, daß mit der Gegenstandsdarstellung eine völlig neuartige Nähe zur Wirklichkeit erreicht werden konnte. Auch in der venezianischen Malerei des 16. Jahrhunderts wurden diese subtilen Farbwirkungen durch den bewußten Gebrauch transparenter und halbtransparenter Farben erzielt, und vielfach finden sich entsprechende Anwendungen bis weit ins 19. Jahrhundert hinein. Sie wurden jedoch stets eingesetzt als raffiniertes Mittel zum Zweck einer bestimmten, für die Gegenstandsauffassung eines Malers charakteristische Widergabe der empirisch wahrgenommenen Dingwelt. Solche Zweckhaftigkeit ist heute, im Zeitalter nach der Freisetzung der Malerei von der Verpflichtung zur Gegenstandswiedergabe, nur noch von mäßigem Interesse. Um so mehr lassen sich die ästhetischen Eigenqualitäten der malerischen Mittel zum Thema machen und ohne weitere Bindung erforschen. Frank Piasta realisiert dies in überzeugender Weise für den Aspekt der Halbtransparenz der Farbe. Er erforscht die daraus sich ergebenden Qualitäten insofern, als der halbmechanische Farbauftrag sich nur grob steuern und das Ergebniss daher kaum präzise vorhersagen läßt. Es entsteht weniger durch den Akt des Auftrags als vielmehr durch die Kombination der Mittel und einzelnen Schritte, die der Maler genau festlegen kann, im Gegensatz zur Wirkung des Resultates.

Nicht wesentlich anders als bei Alten Meistern, deren Werke nur vage Übereinstimmungen in ihrer Maltechnik aufweisen und durch ein breites Spektrum individueller Möglichkeiten. je nach Wirkabsicht, gekennzeichnet sind, hat auch Frank Piasta zahllose Möglichkeiten zur Verfügung. Bevorzugten Maler des 17. Jahrhunderts etwa rötlich Grundierung, um, gemäß dem Geschmack ihrer Zeit, eine tonale, eine warme Gesamterscheinung ihrer Malerei zu fördern, während im 19. Jahrhundert der weiße Grund zur Norm wurde, ohne den sich nicht die nun erstmals angestrebte Wirkung starken Tageslichts realisieren ließe, so kann er heute alle Möglichkeiten einsetzen. Ein weißer Grund ist ein nahezu neutral-heller Ausgangspunkt für die "Zweistimmigkeit" der beiden Farbaufträge, ein farbiger wirkt dagegen quasi als dritte Farbschicht, als den beiden Tönen unterlegener "Generalbass", an dem sie sich zu orientieren haben. Ein transparenter Träger auf weißer Wand erzeugt eine diffuse Farbwirkung, weil die Farbschicht einen Schatten, wenn auch nur mäßiger Dichte, durch das Plexiglas hindurch auf die Wand wirf und ihre Helligkeit stark reduziert, wodurch die Farbe stumpfer wirkt. Ein metallischer Träger dagegen reflektiert, das durch die halbtransparenten Farbschichten eindringende Licht in der Art eines Spiegels und teilt sich der Farbwirkung intensivierend mit.

Um die Vielfalt der Wirkmöglichkeiten auch nur in geringem Umfang ins Bewußtsein des Betrachters zu bringen, bedarf es mehr als nur eines Werkes. zwar bietet auch ein einzelnes Gemälde eine Vielfalt an Wirkungen, doch die Breite der Möglichkeiten läßt sich besser erahnen, wenn mehrere Tafeln nebeneinander hängen. Eine Gruppe von beispielsweise fünf Tafeln gleichen Formats in gleichmäßigen Abständen so gehängt, daß sie nicht als zusammenhängend, aber auch nicht als Solitäre gesehen werden, verdeutlicht das Prinzip der Wirkungsvielfalt in idealer Weise durch die Möglichkeit, ja geradezu den Zwang des Vergleichs, wodurch sich das scheinbar Gleichartige schnell als sehr differenziert erweist.