frank piasta
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Schichten und Teilen – Anmerkungen zur Arbeit von Frank Piasta

Die Farbe scheint den Betrachtern entgegen zu kommen. Ihr Volumen ist geradezu fühlbar als ein körperliches Gegenüber. Gelegentlich erscheint sie so dick wie die Holzplatte, auf die sie gesetzt ist. Noch deutlicher wird das offensichtliche Volumen, wenn lediglich ein dünnes Aluminiumblech der Träger ist, der dann auch noch in einem Abstand zur Wand montiert ist. Die Farbe wird stabilisiert, aber sie schwebt für sich und macht schon in ihrer materialen Präsenz das Bild. Ein Zweites, ein produktiver Widerspruch kommt hinzu. Der Farbe, die sich in der ihr angemessenen Mächtigkeit ausbreitet, eignet ein seltsames Moment von Leichtig­keit. Das liegt an ihrer Transparenz. Der Farbton ist in einen gläsernen Körper ­eingeschlossen, er wird in dem Körper gleichsam aufgeweicht, denn mit der Transparenz einher geht eine leichte Trübung. Je dicker die Masse modelliert ist, je kräftiger kommt der Farbton zum Ausdruck. Analog zum Relief dieser Malerei bilden sich Konzentrate und offene Stellen, die in wenigen Schichten (mehr als drei eigentlich nicht) zu abenteuerlichen, ­geradezu anarchischen Mischungen gefügt sind. Diese Arbeit mit ihren gelegentlich un­reinen, erdig-synthetischen, exterritorialen Farben biedert sich nicht an. Das Material gerät außer Kontrolle. An den dünnen Stellen scheint ganz deutlich der Träger durch, eine weiße Grundierung, das Silber des Aluminiums oder ein messingwarmer Spiegelgrund; dann ist die Farbe auch schon mal so sparsam in der Masse dosiert und nur in einer Schicht aufgetragen, dass sie wie ein schwer zu fassender Schatten die gläserne Trübung irritiert.

Von Anfang an wollte Frank Piasta so eine Malerei an sich. Mit Bedacht hat er sich deshalb auch seine Hochschulmeister ausgesucht; Gotthard Graubner in Düssel­dorf und dann Kuno Gonschior in Berlin, zu denen er sich gerne bekennt, be­sonders zu Gonschior. Das eigene, unabhängige Werk beginnt etwa 1999, gleichzeitig macht er eine Entdeckung für seine Arbeit fruchtbar. Piasta experimentiert mit Silikon, einem Material, das dem Hand­werk und der plastischen Chirugie vertrauter ist als dem bildenden Künstler. Die eingangs beschriebenen Wirkungen sind nur mit diesem Material, das eine Mischung anorganischer und organischer Stoffe ist, möglich. Auch wenn die Bilder auf den ersten Blick manch­mal so erscheinen als seien sie aus Acryl, von dessen brillanter Erschei­nungs­weise, die in gewisser Weise auch einhergeht mit einer durchaus kalten Präzision, ist Silikon weit entfernt; nicht nur, was die Transpa­renz angeht. Das Material, das dem Auge eine neue Erfahrung bietet, hat etwas An­ziehendes. Manche Betrachter sind versucht, die Ober­flächen zu ertasten. Das Ergeb­nis einer konkreten Berührung wäre der Eindruck einer Erscheinungs­weise, die fest und flexibel zugleich ist. Etwas Künstliches und doch Fleisch­liches ist zu ertasten, eine eigene Wärme scheint von dieser Körperlich­keit auszugehen. Die wie auch immer vergewisserte, gleichsam zwielichtige Materialität hat sich den Be­trachtern, die sich nicht gleich abgewandt haben, ins Unterbewusstsein eingegraben.

Wer sich auf Kunst einlässt, ist eigentlich immer gezwungen, sich zu entscheiden, insbesondere bei Malerei, die so grundsätzlich daherkommt. Ja oder Nein? Hier gibt es kein Ausweichen. Das Bild stellt sich selber dar, das Material ist (fast) das Werk, gefunden und erfunden von einem allmächtigen konzeptionellen Organisator. Der zieht mit einer ­brei­ten Rakel das Material über den Träger und setzt die wenigen Schichten, er entscheidet über die Farbigkeiten. Er arbeitet mit dem Eigensinn der Silikonmasse, er gleicht die Un­eben­heiten, die beim Modellierungsprozess entstehen, partiell mit der folgenden Schicht aus. Die Schübe der Rakel schlagen sich in horizontalen Absätzen nieder, ganz abgesehen davon, dass an der unteren Kante ein Wulst entstehen kann. Land­schaftliche Assoziationen mögen zuweilen auftauchen. Aber: Malerei im Sinne einer feinsinnigen Peinture ist das nicht mehr, schon deshalb, weil der Pinsel, das klassische Arbeitsmittel mit seiner Jahrhunderte alten Spur (fast) abwesend ist; vielmehr ensteht eine autonome Malerei an sich, die nach eigenen Gesetzen organisiert wird. Ihr Abstraktions­grad ist eine Funk­tion des Materialumgangs, dementsprechend unmittelbar ist die Wirkung.

In letzter Zeit entfernt sich Frank Piasta auch schon mal von den monologisch, chromatischen Farbtafeln, die gut 80% seiner Arbeit ausmachen. Er vereinzelt Gesten, die bis jetzt so bei ihm nicht vorkamen. Da gibt es etwa einen typischen, vom Pinsel gesetzten Fleck oder einen durchgefalteten Block oder einen zwergähnlichen Hügel; mehr Skulptur als Malerei. Er arbeitet mit schrägen Ebenen, auf die diese Elemente platziert sind, so dass sie durch die Fläche fast gewaltsam und doch elegant in die Ebene des Tafelbildes gezwungen werden. Weitläufigster Versuch mit diesen Ele­­menten ist eine Arbeit mit mehreren hundert Teilen, die sich aus wenigen Modulen rekrutieren und jedes Mal frei in den Raum, bzw. auf den Boden gesetzt werden. Die Organisation der Teile, die Entscheidung für deren Aus­dehnung wird vor Ort nach den Gegebenheiten entschieden, wobei eine ganz allgemeine Allover-Struktur letztendlich verbindlich ist. Das Material Silikon ermöglicht diesen neuen aufrechten Gang der Gesten, der in einen Fundamental­dialog zu Piastas (klassischen) Tafel­bildern tritt. Ein drittes, eine Synthese ist nicht in Sicht, Malerei formuliert An­sprüche und stellt sich fruchtbar in Frage, es geht, um einen Ausstellungstitel zu bemühen, um ?Schichten und Teilen?. Im Rahmen einer Gesamt­installation, in einer Ausstellung kommen beide zusammen. Der Maler öffnet seinen Horizont, er öffnet seine Arbeit, er experimentiert.

Reinhard Ermen, Schichten und Teilen, 2008