frank piasta
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Frank Piasta

Die Frage nach dem zentralen Thema seiner Malerei beantwortet Frank Piasta ohne Umschweife mit einem Wort: "Transparenz". Für den Gast im Atelier oder Besucher in einer der Ausstellungen wird diese Qualität der Arbeit unmittelbar anschaulich, und er kann dem Künstler nur zustimmen. Aber so sehr ihn die Antwort Piastas auch überzeugt, so unangemessen erscheint ihm nun seine Frage. Ist es überhaupt korrekt, im Zusammenhang mit diesem Werk von Malerei zu sprechen? Denn die Arbeiten von Frank Piasta haben eindeutig eben so viele Qualitäten und Eigenschaften des Reliefs oder Objekts. Die traditionelle Malerei mit Ölfarbe auf Leinwand jedenfalls hatte der Künstler bereits 1998 aufgegeben. Piasta bevorzugt seitdem weiße Holzplatten oder Aluminiumtafeln als Malgrund, auf die er ein mit Farbpigmenten versetztes klares Silikon aufträgt. Die pastöse, zähflüssige Masse zieht er dabei mit einem breiten Rakel über die Bildfläche. Bei den kleinen Arbeiten hingegen bedient er sich eines Spachtels. Um das Format vollständig zu bedecken, muß Piasta diesen Vorgang mehrfach wiederholen, bevor er eine zweite oder auch dritte Farbschicht auftragen kann. Der pigmentierte Kunststoff bewahrt noch nach zahlreichen, einander überlagernden Arbeitsgängen jene Offenheit und Transparenz, die der Künstler so sehr schätzt, und die den Bildflächen ihre diaphane Leichtigkeit und malerische Lebendigkeit verleihen.
Frank Piasta hat zunächst bei Gotthard Graubner an der Kunstakademie Düsseldorf studiert und seine Ausbildung 1996 an der Berliner Hochschule der Künste bei Kuno Gonschior fortgesetzt. Von dem Vorbild seiner beiden Professoren fühlte er sich ermutigt, auch selbst das traditionelle Tafelbild aufzugeben. Durch den Einsatz ungewöhnlicher, für die Kunst noch unverbrauchter Malmittel und Werkzeuge, hat er zu einem eigenständigen künstlerischen Weg gefunden und der Malerei erweiterte Ausdrucksmöglichkeiten abgerungen. Graubners volumigen Farbraumkörpern und Gonschiors pastösem Farbauftrag, oft ohne Einsatz des herkömmlichen Pinsels, stellt Frank Piasta Werke entgegen, die durch das geschichtete Silikon eine körperliche Materialität und ein nuanciertes Kolorit erhalten. Der Einsatz dünner Aluminiumtafeln seit 2000 stellt dabei einen gegenüber den Holzgründen auch ästhetischen Zugewinn dar. Indem das Silikon die Ränder der hochrechteckigen Bildflächen überdeckt, scheinen die Farbkörper vor den Wandflächen ins Schweben zu geraten. Der Farbkörper gewinnt eine Eigendynamik. In ihm realisieren sich zugleich zwei, scheinbar gegensätzliche gestalterische Qualitäten. Die Materialität des Kunststoffes, dessen gleichzeitige Transparenz und Körperlichkeit eine fast unwiderstehlichen taktilen Reiz auf den Ausstellungsbesucher ausüben, wird hier mit der Scheinhaftigkeit der Farbe konfrontiert. Sie teilt sich dem Betrachter als reiner Lichtwert mit.

Trotz der Konzentration in ihren gestalterischen Mitteln sind die Bilder von Frank Piasta reich instrumentiert. Der Dialog der Farbe sowie die Transparenz und Struktur der Oberfläche stehen in einem unentwirrbaren, faszinierenden Dialog. Sie bedingen einander und wirken in einem permanenten Wechselspiel aufeinander ein. Dem Betrachter wird dies spätestens in dem Moment bewußt, in dem er versucht, eine dieser malerischen Qualitäten optisch zu isolieren, und sich damit ganz auf sie zu konzentrieren. Tatsächlich ist ein solches Bemühen immer zum Scheitern verurteilt, denn die Struktur des Materialauftrags wird erst durch die Farbe im Bild präsent. so wie andererseits die Farbe durch die Transparenz des Materials mit definiert wird. Der konzentrierte Betrachter hat die Möglichkeit, wechselnde Farbnuancen in der Tiefe des Materials zu entdecken. Die Bilder gewinnen einen Reiz als aktive Dialogpartner der Ausstellungsbesucher. Jede Bewegung vor den Werken, jeder Blick- und einfallende Lichtwechsel läßt die farbigen Flächen anders und überraschend neu erscheinen. Dann können sich die Bilder öffnen, und aufgrund ihrer transparenten Wirkung bricht das Kolorit aus den unteren Schichten hervor. In anderen Momenten hingegen verschließen sich ihre Oberflächen zu einer dichten, monochromen Wand.
Obwohl Frank Piasta das pigmentierte Silikon mit dem Rakel, also in einem eher mechanischen Werkprozess über den Bildgrund zieht, gewinnen seine Arbeiten eine ungewöhnlich malerische Qualität und reich strukturierte Oberfläche, die sie ein Stück weit in die Nähe informeller oder gar impressionistischer Bilder rückt. Einige der großformatigen, vom Künstler immer unbetitelt belassenen Werke wecken Assoziationen an die Wasserimpressionen eines Claude Monet, auf die sie aus der historischen Distanz eine zeitgenössische, abstrakte Antwort zu formulieren scheinen.

Der amerikanische Künstler der Minimal Art, Donald Judd, hat einmal davon gesprochen, daß seine Arbeiten immer komplex, nie aber kompliziert seien. Dasselbe ließe sich auch von den Werken Frank Piastas sagen. Auch seine Bilder werden nur von wenigen gestalterischen Mitteln bestimmt, die sich jedoch im Zusammenspiel zu einem vielschichtigen Wahrnehmungsfeld steigern. Mit seiner bisherigen Entwicklung in den vergangenen Jahren hat Piasta dessen volle Möglichkeiten gerade einmal angerissen. So hat er bislang nie mehr als drei verschiedenen Farben aufgetragen, die er in immer gleichen, vertikalen Bahnen auf den Bildgrund aufbringt. Dabei entsteht eine reich strukturierte Oberfläche, ein schillerndes lebendiges Feld mit unterschiedlich intensiven Farbigkeiten, changierenden Mischungen und zarten Transparenzen. Der Träger der Farbe, das Silikon, stärkt und dämpft diese Wirkung, je nach seiner eigenen Konsistenz. Durch die Art des Auftrags staut sich das Material vor allem an den oberen und unteren Rändern des Bildträgers. An anderen Stellen hingegen reißt das Silikon an der Oberfläche auf und legt dabei die tiefern Farbschichten fast ungeschützt offen.

Während andere Künstler Farbe immer zugleich über ihren Materialwert definieren, kommt sie bei Frank Piasta als bloßer Scheinwert zum Ausdruck. Eingeschlossen in die mehrfachen transparenten Schichten bleibt sie vor den Augen des Betrachters merkwürdig ungreifbar, indem sie die Bildfläche in eine unbestimmbare schwere Tiefe öffnet. In einer neuen, 2001 begonnenen Werkgruppe, die der Künstler gerade erst beginnt, in ihren Möglichkeiten auszuloten, gibt er diesem Thema eine erweiterte gestalterische Form. In den mittelformatigen Tafeln dieser Werkgruppe mischt Piasta dem Silikon kleine Bruchstücke angetrockneten Pigments unter, so daß sie in einem diffusen und pulsierenden Raum zu schweben scheinen. Auf diese Weise formulieren sie einen perspektivistischen Illusionismus, den die anderen Bilder so nicht besitzen.

Frank Piasta gehört zu jenen Künstlern, denen ihre gestalterischen Mittel zugleich zum Thema der Gestaltung werden. Die Farbe, der Kunststoff und der Auftrag besitzen also keine darstellende Funktion, verweisen nicht auf einen externen Kontext, sondern ausschließlich auf sich selbst zurück. Farbe und Material sind die autonomen Qualitäten dieser Malerei und fordern den Ausstellungsbesucher zu ihrer konzentrierten Betrachtung auf. Piasta arbeitet gemeinsam mit anderen Künstlern an etwas, was man als eine Schule des Sehens beschreiben könnte. Die Bilder dienen dabei als Anschauungsstücke, die den Betrachter zum genauen Sehen zwingen, die ihn lehren, den Eigenwert der Farbe als eigenständige Wahrnehmungsqualität zu erkennen und das nuancenreiche Wechselspiel zwischen den gestalterischen Mitteln aufmerksam zu verfolgen. Diese, vom Betrachter eingeforderte Neugier, hat sich auch der Künstler selbst bewahrt. Sie ist sein kreativer Antrieb. Denn jedes Bild ist zugleich ein ästhetisches Abenteuer mit ungewissem Ausgang. Die Bilder von Frank Piasta lassen sich nicht planen und vorausbestimmen. Kleine, vorbereitende Skizzen, obwohl im selben Material, lassen das malerische Ergebnis der großen Formate immer nur erahnen. Aber auch jedes fertig gestellte Werk bleibt so sehr von seiner Umgebung mitbestimmt und in seinem Erscheinungsbild beeinflußt, daß es nie mehr sein kann, als ein offenes Angebot des Künstlers an den Betrachter. Das Abenteuer der Malerei beginnt bei den Werken von Frank Piasta erst, wenn das Bild das Atelier bereits verlassen hat.

Dietmar Elger, 2000