frank piasta
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fuzzy - Malerei im Raum

Die Farbe hat die Grenzen des klassischen Bildträgers verlassen und erobert den Raum. Farbige Silikon-Module, teils flächig, teils körperhaft, sind locker im Raum verteilt, einige klettern sogar die Wand hinauf. Als "Malerei im Raum" könnte man Frank Piastas Boden- und Wandarbeiten der Serie fuzzy bezeichnen. Eine Malerei, die vom Ausstellungsraum abhängig ist und diesen wiederum in seiner Funktion und Wirkung verändert - der Ausstellungsraum wird zum Bildträger. fuzzy (engl. unscharf) bezeichnet dreierlei: zunächst die ineinander verlaufenden Farbmassen innerhalb der einzelnen Module. Dazu kommt das Fehlen einer eindeutig definierten Begrenzung der Boden- und Raumarbeiten - es stellt sich die Frage: Wo hört das Kunstwerk auf und wo fängt der Ausstellungsraum an? Zugleich stellt fuzzy auch einen Zwischenzustand dar, zwischen Bild und Skulptur, zwischen dem Virtuellen und dem Materiellen. Es ist dieses mehrfach auftauchende Phänomen der Unschärfe, welches bei fuzzy besonders fasziniert.

Seit Längerem arbeitet Frank Piasta mit dem ungewöhnlichen Material Silikon - ein Material, das man eher mit den Bereichen Handwerk und plastischer Chirurgie verbindet als mit dem Gebiet der Kunst. Erst seit wenigen Jahren hat das mit Pigmenten eingefärbte Silikon den Bildträger verlassen. Seit 2007 schafft der Künstler immer wieder neue ortsbezogene fuzzy-Konstellationen. Waren es bei Ausstellungen in Düsseldorf und Bonn kreisförmige Silikonflächen, die neben- und übereinander auf dem Boden verteilt waren und teilweise an Elemente pointillistischer Malerei erinnerten, so dominierten zwergähnliche Silikonanhäufungen die Arbeiten in Köln, Erfurt und Ingolstadt.

Bei der in Freiburg gezeigten Fensterarbeit steht die Transparenz des Silikons im Vordergrund. Wenn Licht durch die blauviolett eingefärbten rechteckigen Farbflächen und die orangebraunen ovalen Silikonkleckse scheint, meint man, die Farbe schwebe zwischen Fensterrahmen und -gitter. Leichtigkeit und Immaterialität der Farbe wird hier zum Thema.

Piasta macht sich die Materialität und Plastizität des Silikons zu Nutze, wenn er die Farbmasse mit der Rakel nicht glatt auf der Fläche verstreicht, sondern dreidimensionale Kleckse, die mitunter aus mehreren unterschiedlich farbigen Schichten bestehen, erschafft. Die Körperhaftigkeit der einzelnen Module spricht auch die eigene Körperhaftigkeit des Betrachters an.

Silikon ist durch seine gummihafte, transparente Erscheinung und die verschiedenen Anwendungsgebiete ein Material, das beim Betrachter ganz unterschiedliche, teils gegensätzliche Gefühle erzeugen kann. Besonders bei den pastellfarbenen Silikon-Modulen können positive Assoziationen zu Süßigkeiten oder allgemein zur kindlichen Sphäre hervorgerufen werden. Die anziehende Wirkung kann so stark sein, dass der Rezipient die Silikonelemente berühren möchte. Genauso können die Module jedoch auch durch ihre besondere Materialität abstoßend und eklig wirken. Würde man die Silikon-Elemente tatsächlich berühren, so würde man eine zugleich weiche und harte gummiähnliche Masse spüren.
Diese von der Wirkung und Haptik her ambivalenten Materialeigenschaften sind auch nach außen hin sichtbar: Mal glänzt die Silikonoberfläche, mal erscheint sie stumpf und matt. Ganz gleich welche Assoziationen beim Betrachten von fuzzy ausgelöst werden, ganz kalt lassen diese Arbeiten den Ausstellungsbesucher wohl nie. Genau das macht die verschiedenen Boden- und Wandarbeiten von Frank Piasta gerade so spannend.

Bevor Frank Piasta eine neue fuzzy-Arbeit an einem Ort kompositorisch entwickelt und auslegt, schaut er sich den zur Verfügung stehenden Raum samt Boden genau an. Die räumlichen Gegebenheiten bedingen das spätere Aussehen jeder neuen fuzzy-Installation. Ausgehend von einem ganzen Set mit verschiedenen Modul-Boxen - gespachtelte eher rechteckige oder kreisförmige Flächen oder Anhäufungen, einfarbige oder mehrfarbige Elemente - entwickelt er eine neue Komposition und legt die ungefähre Anzahl der einzelnen Elemente fest. Erst beim aktiven Auslegen der Module jedoch entsteht die genaue Form des Kunstwerks.

Piasta hat sich über die Jahre hinweg ein in Farbe und Form ausdifferenziertes Modul-System zugelegt. Die Auswahl reicht von monochromen feuerroten Zwergen über dreifarbige pink-violett-hellgrüne Anhäufungen bis zu hellrosafarbenen Spachtelungen. Jedes Einzelmodul ist in großer Anzahl vorhanden. Mit diesem Baukasten-System kann er auf ganz unterschiedliche räumliche Situationen reagieren, unabhängig von Raumgrößen und Bodenbeschaffenheiten. So hat Piasta auch schon einen mit Teppich ausgelegten Raum in einem vor dem Abriss stehenden Hotel in Bonn mit kreisförmigen Silikonelementen bespielt und in eine Art pointillistisches Gemälde verwandelt.

Genügt es bei zweidimensionaler Malerei häufig schon, ein Werk von einem Punkt aus zu betrachten, so empfiehlt es sich bei der Rezeption von fuzzy mehrere Perspektiven, wenn wie im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt möglich, sogar auch die Vogelperspektive, einzunehmen. Denn von oben aus betrachtet verringert sich die Dreidimensionalität von fuzzy zu Gunsten einer flächigen, bildhaften Erscheinung. Die Boden- und Raumarbeit wird zum dreidimensionalen Bild, Boden und Wand zum Bildträger. Hier wird der künstlerische Einfluss von Piastas Malereistudium und besonders der seines Lehrers Kuno Gonschior sichtbar: Gonschior lehrte ihm, in der Malerei die Materialität von Farbe zu betonen und mit ungewöhnlichen Farbmaterien zu experimentieren. Nimmt der Betrachter dagegen eine Schräg- oder Froschperspektive ein, so erscheint die Komposition eher wie ein dreidimensionales Relief. Aus den zwergenähnlichen Silikon-Modulen werden riesenhafte Silikonberge, eine ganze Landschaft scheint sich so vor dem Auge des Betrachters zu erheben.

Der die Farbflecken umgebende Raum wird bei der Werkbetrachtung von fuzzy immer mitgesehen und so zu einem Teil jeder Arbeit. Fotografien der fuzzy-Installationen geben das sehr gut wieder. Neben den Silikonmodulen sind immer auch Böden, Wände und Raumkanten zu sehen. Dies fällt besonders dann auf, wenn Boden und Wand nicht glatt und homogen sind, sondern wie im Forum Konkrete Kunst in Erfurt aus alten, unebenen Dielen und abgeblätterten Putz bestehen oder wenn wie im Museum für Konkrete Kunst in Ingolstadt die Silikonelemente auf einer groben Backsteinmauer angebracht sind.

Frank Piastas fuzzy Boden- und Wandarbeiten werden bestimmt durch das ambivalente Material des eingefärbten Silikons, die jeweilige Farbe, Form und Anordnung der Farbflecken, -kleckse und -anhäufungen und den jeweils bespielten Raum. Und so gleicht kein Werk dem anderen. Man darf schon gespannt sein, welche neue Wirkung Frank Piasta dem Material bei der nächsten fuzzy-Konstellation entlockt, wie ein neuer Raum auf die eingefärbten Silikon-Module reagiert.

Miriam Müller, 2012